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2. Mai 2023
Redaktion
Homecare-Markt Deutschland

Was bringt die Zukunft?

Nach boomendem Wachstum in den 90er- und 2000er-Jahren ist der Homecare-Markt enger geworden. Hinzu kommen der Preisdruck der sich konsolidierenden Krankenkassen – Verträge, Ausschreibungen und deren Abschaffung (vorübergehend?) – sowie steigende regulatorische Anforderungen in puncto Präqualifizierung und EU-MDR (Medical Device Regulation).
Symbolbild
Foto: Gerd Altmann/Pixabay

Hatten in der Hochphase Finanzinvestoren und Strategen die einmal hochprofitable Nische für sich entdeckt und in Homecare investiert, gibt es aktuell kaum noch attraktive Homecare-Unternehmen, die zum Verkauf stehen. Für potenzielle Käufer und gerade auch für Finanzinvestoren ist es bei steigender Inflation deutlich schwieriger und weniger attraktiv, ihr Homecare-Engagement zu finanzieren. Auch die Banken haben gelernt, dass der Erfolg hier nicht garantiert ist und schauen kritischer auf die präsentierten Geschäftsmodelle.

Dazu kommen der Pflegenotstand im Gesundheitswesen und die Konkurrenz um die Pflegekräfte durch Krankenhäuser und Pflegeheime, die mit höheren Ge-hältern und attraktiven Arbeitszeitmo-dellen locken.

Schließlich haben die aktuellen Herausforderungen, die unsere Welt in ihren Grundfesten erschüttert haben, wie der Krieg in der Ukraine, die Pandemie und die Klimakrise mit ihren Auswirkungen auf unser Leben und insbesondere die Wirtschaft, auch die Veränderungen im Gesundheitsmarkt inklusive des Home-care-Bereiches beeinflusst und teilweise beschleunigt.

Die altbewährten Erfolgsrezepte greifen nicht mehr

Es ist also schwieriger geworden und die Zeit hemdsärmeliger Unternehmer, die eine Schar von Schwestern und Pflegern für ihre Sache begeistern konnten, ist vorbei. Es reicht längst nicht mehr aus, eine Armee von motivierten Pflegekräften loszuschicken, um Patienten einzusammeln.

Die Margen sind geschrumpft, sodass es heute auch um Effizienz und Kosten geht. Aspekte wie Produkteinsatz, Besuchszahlen, Besuchsfrequenz, der Mix der Versorgungsbereiche spielen auf einmal eine entscheidende Rolle.

Portraitfoto
Foto: privat
Dr. Malte Klar.

Homecare ist immer noch eine vielfältige Nische

Auf der anderen Seite ist und bleibt der Homecare-Markt eine Nische im deutschen Gesundheitsmarkt. Rund 400 Mrd. Euro haben die Deutschen 2019 laut Statistischem Bundesamt für Gesundheit ausgeben (12 % des Bruttosozialpro-dukts). Davon entfallen etwa drei Viertel auf die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und je ein Achtel (jeweils 50 Mrd. Euro) auf die Private Krankenversicherung (PKV) und die privaten Haushalte. Bei den Hilfsmittelausgaben reden wir insgesamt nur über etwa 9 Mrd. Euro und bei Homecare im engeren Sinne je nach Definition des Marktes über 2,5 bis 4 Mrd. Euro; das heißt über knapp ein Prozent der Gesundheitsausgaben in Deutschland.

Der Homecare-Markt – fragmentiert und heterogen

Trotz der fortschreitenden Konsolidierung ist der Homecare-Markt weiterhin stark fragmentiert und sehr heterogen.

Die Spanne reicht von den großen Komplettanbietern wie GHD GesundheitsHeits GmbH Deutschland, Mediq Deutschland und Publicare über bundesweit agierende Spezialisten beispielsweise im Bereich Wunde wie Rodday Wundmanagement, Medical Wundmangement und Wundex – die Wundexperten bis hin zu den Mitgliedern von Sanitätshaus Aktuell, rehaVital, NetworCare und der Auxilium-Gruppe, die als klassische Sanitätshäuser auch Homecare-Versorgungen anbieten.

Zudem gibt es nach wie vor sehr erfolgreiche regionale Anbieter wie emCare im Saarland oder Medilog Hamburg Teinert. Mit der Renafan und der Aiutanda-Gruppe sind neue Homecare-Strukturen entstanden, die Homecare-Versorgung vernetzt mit der Pflege-Dienstleistung anbieten.

Gleichzeitig drängen die großen her-stellenden Apotheken, wie die BA-Unternehmensgruppe und einige § 13-Herstellbetriebe wie Medipolis-Gruppe, Omnicare-Gruppe und Aposan im Zuge der Diversifizierung in neuen Geschäftsfelder zunehmend in den Homecare-Markt.

Nicht zu vergessen sind die Hersteller wie Fresenius Kabi Deutschland, Coloplast oder B. Braun, die über eigene Homecare-Strukturen den Zugang zum Markt absichern und die Wertschöpfung verlängern. Schließlich gibt es aber immer noch die selbstständige Homecare-Schwester, die im Haupt- oder Nebenerwerb eigenständig Patienten versorgt.

Der Homecare-Markt stellt sich also nach wie vor sehr uneinheitlich und so-wohl in der Größe als auch in der strategischen Ausrichtung und Organisationsstruktur der Marktteilnehmer sehr vielfältig dar.

Es heißt, Balance halten

Diese Vielfalt ist auch die Herausforderung für jeden Konsolidierer. Auf der einen Seite lebt Homecare von seinen Menschen und ist von ihnen abhängig – von den Schwestern und Pflegern, von den Patienten und von den gewachsenen lokalen Verbindungen zu den Partnern in Krankenhäusern, Altenheimen und Pflegediensten. Nur wenn es gelingt, diese häufig regionalen Kontakte und Netzwerke zu bewahren, kann Konsolidierung gelingen. Die Probleme der bundesweit aufgestellten Homecare-Unternehmen zeigen dies mehr als deutlich.

Auf der anderen Seite braucht es heute eine klare Strategie und immer mehr Effizienz in der Versorgung. Dabei wichtige Punkte wie Komplettversorger oder Spezialist, horizontale und vertikale Vernetzung, Digitalisierung, Einkauf, Produkteinsatz und Versorgungsbereichsmix habe ich an anderer Stelle bereits ausführlich behandelt (wir berichteten; Anm. d. Red.).

Nur wenn es gelingt, die oben beschriebenen zwei Seiten der Homecare-Medaille unter den berühmten einen Hut zu bringen, kann Homecare auch in Zukunft erfolgreich sein.

Mehr Homecare-Nachfrage, aber erschwerte Bedingungen

Die Alterspyramide und die anstehenden Gesetzesänderungen werden zu einem erhöhten Homecare- und Pflegebedarf führen. Gegen diesen positiven Trend laufen der Mangel an Pflegekräften und der steigende Kostendruck. Das führt dazu, dass die oben beschriebene Balance zwischen Mensch und Effizienz immer wichtiger werden wird.

Die Fragen, mit denen sich ein Homecare-Unternehmer heute auseinandersetzen muss, liegen auf der Hand:

  • Wie sieht der optimale Versorgungsbereichsmix für mein Unternehmen aus?
  • Wie halte und motiviere ich meine Schwestern und Pfleger?
  • Wie sichere ich meine Patientenquellen?
  • Kann ich Einkauf und Produkteinsatz optimieren?
  • Ist mein Digitalisierungsgrad angemessen (Warenwirtschaftssystem, Telemedizin und Branchensoftware)?
  • Kann/muss ich mein Unternehmen vernetzen? Wenn ja, mit wem und wie gestalte ich das?

Nur wer diese Fragen für sich und sein Unternehmen schlüssig beantwortet und immer wieder auf den Prüfstand stellt und neu bewertet, wird im Homecare-Markt der Zukunft auf die Dauer erfolgreich sein.

 

 

Foto: Karolina Grabowska/Pixabay
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