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9. August 2018
Redaktion
Schlafmedizin/Patientenversorgung

Sind die Kassen die Totengräber der Schlafapnoe-Therapie?

von Werner Waldmann: (Vorsitzender Bundesverband Schlafapnoe und Schlafstörungen Deutschland e.V./BSD)

Viele Mediziner wissen es mittlerweile schon, auch manche Bürger und die Publikumsmedien sowieso: Ein erholsamer Schlaf garantiert Wohlbefinden und Gesundheit.Schlafstörungen sind Feinde unserer Leistungsfähigkeit – wie beispielsweise die obstruktive Schlafapnoe, das nächtliche Schnarchen mit den gefährlichen Atempausen. Was geht nicht alles auf das Konto dieser Volkskrankheit: Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt, Depressionen, Diabetes, Alzheimer. Doch eine Schlafapnoe lässt sich behandeln.

Der therapeutische Goldstandard ist immer noch das Atemtherapiegerät mit Maske, salopp CPAP-Therapie (Continuous Positive Airway Pressure) genannt. Diagnostiziert wird die Krankheit im Schlaflabor. Hunderttausende sind in Deutschland inzwischen als Patienten identifiziert, doch Millionen wissen noch nichts von der Gefahr, die es für sie bedeutet, wenn sie weiterhin schnarchen und dabei der Atem stockt.

Die Krankenkassen haben inzwischen begriffen, dass Schlafapnoe alles andere als ein Nischenphänomen ist. Sie fürchten zu Recht einen Tsunami an Schlafapnoe-Betroffenen in nächster Zukunft. Es graut den Kassenmanagern vor den damit verbundenen Kosten. Jedenfalls haben sie sich schon längst etwas einfallen lassen, um die Kosten für Diagnostik und Therapie zu reduzieren.

Die Diagnostiknächte im Schlaflabor werden raffinierterweise als ambulante Leistung honoriert, obwohl der Patient meist in einer Klinik schläft, die auch eine Intensivstation vorhält für den Fall, dass etwas passiert. Eigentlich ist die Schlaflabordiagnostik eine stationäre Leistung.

Den Schlafapnoe-Patienten verweigern die Kassen nun keineswegs Therapiegerät plus Maske, sie drücken nur nachhaltig die Kosten für die Versorgung mit dem Equipment, und zwar mittels ausgekochter Strategien: Ausschreibung und Open-House-Vertrag nennen sich diese beliebten Folterinstrumente der Krankenkassen. Bevor die Kassen diese Methoden für sich entdeckten, verhandelten sie mit den Leistungserbringern, was es denn kosten dürfe, die Betroffenen zwar ausreichend, jedoch wirtschaft­lich zu versorgen. Ganz nach der doppelsinnigen Diktion des Sozialgesetzbuches.

Werner Waldmann

Schlafapnoe per se eine preiswerte Therapie

Diagnostik und Therapie sind zwei paar Stiefel. Wenn die Schlaflaborärzte aus den Kurven der nächtlichen Untersuchung herauslesen, dass der Patient unter einer obstruktiven Schlafapnoe leidet, schlägt die Stunde des Homecare-Versorgers. Das ist in aller Regel ein Sanitäts­unter­nehmen, meistens ein Mittelständler, der sich allerdings mit zwei großen Versorgerunternehmen messen muss. Das eine Unternehmen hat einen internationalen Konzern im Rücken, das andere operiert von einer heimischen Basis aus, kann sich aber getrost mit dem Konzern messen.

Die Krankenkassen bieten die Geräte und bezahlen dafür eine jährliche Versorgungspauschale, sozusagen einen Kom­plettpreis für Therapiegerät, Schlauch und Maske. Dazu gehören auch Reparaturen und die Lieferung von Gebrauchsartikeln wie beispielsweise Filter. Auch die Masken halten nicht ewig und müssen womöglich nach einem halben Jahr ersetzt werden.

Und schließlich deckt die Einmalzahlung der Kasse pro Jahr auch den Service des Homecare-Versorgers ab. Nicht jeder Patient, insbesondere wenn er schon ein bisschen älter ist, kommt mit Gerät und Maske zurecht. Da braucht es Beratung – und die ist teuer. Um das leisten zu können, muss das Unternehmen Filialen unter­halten oder gar Mitarbeiter zu den Patienten schicken.

Einen Schlafapnoe-Patienten zu therapieren, kostet nicht die Welt. Pro Tag sind das etwa 0,60 Euro, hochgerechnet auf ein Jahr rund 200 Euro. Im Grunde eine verdammt preiswerte Therapie, wenn man an die Kosten für andere Krankheiten denkt. Und wenn man berücksichtigt, welche Folgeerkrankungen damit nachweislich zu verhindern sind: lauter unschöne und in der Behandlung ziemlich teure Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen, Demenz, Diabetes.

Der Patient wird nun mit dem Therapiegerät versorgt, das ihm das Schlaflabor verordnet hat. Das hört sich logisch an, ist inzwischen aber ein komplizierter Prozess. Die Krankenkasse bestimmt näm­lich, welches Gerät und welche Maske der Betroffene erhält. Der Arzt kann noch so viel auf die Verordnung schreiben – maßgeblich ist, welchen Inhalt der Vertrag hat, den die Kasse des Betroffenen mit der versorgenden Firma geschlossen hat.

Auch das BVA stellt sich gegen das Vertragsgebaren einzelner Ersatzkassen beim Thema Schlafapnoe. Gleichwohl gibt BVA-Referats-Leite rin Anke Domscheit zu, dass die rechtlichen Möglichkeiten beschränkt sind

Ausschreibungen zulasten der Patienten

Die Krankenkassen nutzen Ausschreibungen, um möglichst günstige Angebote von den Unternehmen zu bekommen, die die Patienten versorgen. Wer das niedrigste Angebot abgibt, gewinnt das Los, also den Versorgungsauftrag. Unter Umständen gewinnt nur ein einziges Unternehmen die Versorgung eines ganzen Bundeslandes. Alle anderen mitbietenden Firmen sind draußen.

Der Patient spürt die Folgen als Erster: Er verliert seinen bisherigen Versorger und wird nun von einer ihm fremden Firma betreut. Eine Wahl hat er nicht. Er muss sich von dem Losgewinner versorgen lassen. Wenn er Pech hat, bedeutet dies, dass er dem alten Versorger sein bisheriges Therapiegerät zurückgeben muss und sein künftiges Gerät vom neuen Versorger erhält. Er bekommt dann eben das vom Sozialgesetzbuch vorgeschriebene medizinisch Notwendige.

In den meisten Fällen handelt es sich um eine sehr einfache Ausrüstung, die vielleicht vor fünf oder zehn Jahren en vogue war. Diesem Diktat kann sich der Patient nur entziehen, indem er die Kasse wechselt. Das steht ihm frei: Er kann sich für eine andere Krankenkasse entscheiden, die ihm das Gerät seiner Wahl zur Verfügung stellt.

Open-House-Verträge um kein Haar besser