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2. Oktober 2023
Redaktion
eurocom-Mitgliederbefragung 2023

Innovationsklima im Hilfsmittelmarkt ist prekär

„Die Lage ist ernst für eine verlässliche Patientenversorgung mit innovativen und hochwertigen Hilfsmitteln in Deutschland. Die negative Einschätzung des Innovationsklimas nimmt zu. Die Bedeutung des deutschen Marktes droht zu sinken.“ So lautet das Fazit von Oda Hagemeier, Geschäftsführerin der European Manufacturers Federation for Compression Therapy and Orthopaedic Devices (eurocom) zu den Ergebnissen der im Mai durchgeführten Mitgliederbefragung 2023.
Foto: Tumisu/Pixabay

An der Umfrage haben 34 der aktuell 37 eurocom-Mitglieder (92 %) teilgenommen und ihre Einschätzung zur Lage des Hilfsmittelmarktes sowie seiner Rahmenbedingungen in Deutschland abgegeben. Besorgniserregend sei vor allem, dass 63 Prozent der Befragten das hiesige Innovationsklima als unterdurchschnittlich bewerten. Und auch, wenn Deutschland für 86 Prozent zurzeit nach wie vor als der wichtigste Markt gelte, sehen ihn ein Viertel der Befragten bereits in fünf Jahren nur noch auf Platz 2.

Als Ursachen wurden zum einen Standortrisiken, wie bürokratische Hürden (91 %), der Fachkräftemangel im eigenen Unternehmen (59 %) und im Fachhandel/in den Handwerksbetrieben (47 %) an­gegeben. Zum anderen bereiten vor allem die großen Hemmnisse für innovative Qualitätsprodukte im deutschen Markt Sorgen: Sämtliche Befragungs­teilnehmer sind von langanhaltenden enormen Kostensteigerungen durch Inflation, Energiekrise und Regulatorik betroffen.

Erschwerend hinzu komme die Last uneinheitlicher Mehrwertsteuer-Sätze mit wettbewerbsverzerrender Auswirkung (87 %). Darüber hinaus erweise sich auch im dritten Jahr nach Einführung des eurocom-Branchenbarometers das Hilfsmittelverzeichnis für 68 Prozent der Befragten als Innovationsbremse.

Kostenexplosion gefährdet Versorgungssicherheit

Ein Thema, das 100 Prozent der Befragungsteilnehmer betrifft, sind die schwerwiegenden Folgen der nun schon zwei Jahre anhaltenden extremen Kostensteigerungen für die Hilfsmittelbranche. Ebenfalls 100 Prozent gaben an, dass sie Kostensteigerungen nach wie vor gar nicht oder nur teilweise an den Markt weitergeben können.

Als Hauptgrund wurde genannt, dass Erstattungspreise in den Versorgungsverträgen langfristig festgelegt sind (73 %). Das bedeute für alle Teilnehmer, dass bereits jetzt die Hilfsmittelherstellung unwirtschaftlich ist. Dieser Negativtrend, der sich im Vergleich zum Vorjahr (89 %) noch stärker ausprägt, habe gravierende Folgen, sollte er noch länger anhalten: 73 Prozent der Befragten befürchten eine Einschränkung ihres Portfolios, 70 Prozent den Abbau von Arbeitsplätzen im Unternehmen. Rund ein Viertel sieht darin eine Existenzbedrohung, jedes fünfte Unternehmen befürchtet einen Versorgungsengpass.

Die Konsequenz für 67 Prozent der Mitglieder: Eine Kostenabfederung sei dringend notwendig. Als geeignete Maßnahmen identifizieren 87 Prozent die Anpassung der Vertragspreise und 93 Prozent die Anpassung der Festbeträge, jeweils um die Inflationsrate.

„Eine verlässliche Patientenversorgung zu gewährleisten, stellt für die Branche eine Herausforderung dar, mit der sie nicht alleine gelassen werden darf. Damit langfristig verlässlich produziert und versorgt werden kann, dürfen Preissteigerungen nicht einseitig zu Lasten der Hersteller und Leistungserbringer gehen. Deshalb müssen zum einen Festbeträge als sinnvolles Instrument zur Ausgabenregulierung beibehalten und jährlich – wie auch die Vertragspreise – um die Inflationsrate angepasst werden, zum anderen müssen die unterschiedlichen Mehrwertsteuer-Sätze für Hilfsmittel einheitlich gesenkt werden“, fordert Hagemeier deshalb.

Innovationen schneller zugänglich machen

Die Hilfsmittelindustrie zeige auch 2023 einen ausgeprägten Innovationswillen. Sämtliche Teilnehmenden investieren in Digitalisierung, 97 Prozent in Forschung und Entwicklung – und zwar bis zu 10 Prozent des Unternehmensumsatzes, 81 Prozent in neuartige Hilfsmittel.

Dies stehe jedoch in starkem Kontrast zur Bremswirkung, die das unsichere Aufnahmeverfahren neuartiger Produkte in das Hilfsmittelverzeichnis (HMV) für eine Mehrheit der Unternehmen nach wie vor erzeugt: Darin sehen – wie schon in den Vorjahren – über 60 Prozent der Befragungsteilnehmer Risikopotenzial und bewerten dieses als größtes Innovationshemmnis.

Aufnahmeanträge neuartiger Hilfsmittel wurden in den vergangenen zehn Jahren bei 57 Prozent der Befragten abgelehnt, bei 82 Prozent von ihnen betraf dies mindestens zwei Neuentwicklungen. Ablehnungen erstrecken sich bei 43 Prozent der Teilnehmer sogar auf bereits bekannte Hilfsmittel.

Oda Hagemeier erklärt: „Damit Patienten ungehinderten Zugriff auf innovative Hilfsmittel haben, muss deren Aufnahme beschleunigt werden. Denn das Hilfsmittelverzeichnis hat eine marktsteuernde Wirkung, auch wenn es sich nicht um eine Positivliste handelt. Nach wie vor brauchen wir ein standardisiertes Verfahren, insbesondere zur Anerkennung des medizinischen Nutzennachweises. Der Nachweis muss realistisch und planbar sein.“
Deshalb fordert die eurocom ein obligatorisches Beratungsgespräch, das die Vereinbarungen zwischen Antragsteller und GKV-Spitzenverband klar regelt, um die Hilfsmittelversorgung in Deutschland innovationsoffen und zukunftsfest zu gestalten. 

eurocom e.V.
Eine Sorge aller Teilnehmer sind die Kostensteigerungen durch Inflation, Energiekrise und Regulatorik.