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20. November 2023
Redaktion
Plattform Ambulanzpartner

Hilfsmittel für neurologisch Erkrankte

Im Rahmen der Plattform www.ambulanzpartner.de können Patienten in einem Service-Center nach Hilfsmittelkategorien herstellerunabhängige Informationen für die Wahl eines Hilfsmittels abrufen. Die Plattform ist ein Netzwerk von Dienstleistern wie Ärzten, Therapeuten, Sanitätshäusern und Apo­theken und koordiniert die Versorgung von neurologisch schwer erkrankten Menschen. Für Patienten ist der Zugang jüngst erleichtert worden. Hintergründe zum Konzept schildert im MTD-Interview Prof. Dr. Christoph Münch, Geschäftsführer der Ambulanzpartner Soziotechnologie APST GmbH (Berlin).
Gehirn
Grafik: GDJ/Pixabay

Durch Ambulanzpartner ist ein „aufsuchendes Versorgungsmanagement entwickelt“ worden, das Patienten mit einem Hausbesuch durch einen umfassend geschulten Mitarbeiter unterstützt. Er überprüft die Versorgungssituation vor Ort und berät aufgrund der individuellen Bedarfe umfassend zu möglichen Hilfsmitteln sowie deren Beantragung.

Die im Jahr 2011 gestartete Ambulanzpartner Soziotechnologie APST GmbH hat 20 Beschäftigte. Über 3.500 Patienten und knapp 150 Ärzte sind im Versorgungsnetzwerk registriert.

2.000 Versorgungen werden pro Monat vermittelt

Etwa 1.000 Versorgungen mit Hilfsmitteln koordinierte und dokumentierte Ambulanzpartner im gesamten Jahr 2011. Heute würden monatlich 2.000 Versorgungen mit Hilfsmitteln, Heilmitteln, Pflegeleistungen, Ernährungshilfen und Medikamenten über Ambulanzpartner koordiniert. Insgesamt seien bis heute ungefähr 40.000 Versorgungen auf Ambulanzpartner.de registriert worden.

Im Fokus sind seltene neurologische Krankheitsbilder

Hintergrund sei, dass seit einigen Jahren die Zahl von Patienten wachse, die Bedarf an außerklinischer Beatmung haben bzw. einen Schlaganfall erleiden oder an Multipler Sklerose, Parkinson oder an einer Demenz erkranken. Hinzu kommen seltene neurologische Krankheitsbilder wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) oder spinale Muskelatrophie (SMA), die zu fortschreitenden Lähmungen des Bewegungsapparats sowie der Sprech-, Kau- und Atemmuskulatur führen.

Dadurch ergebe sich ein komplexer medizinischer, therapeutischer und pflegerischer Versorgungsbedarf. Doch durch neue technische Entwicklungen können unterschiedlich spezialisierte Dienstleister eine komplexe Versorgung auch im vertrauten Wohnumfeld durchführen.

Um diese umfängliche Versorgungssituation herzustellen und sie am Laufen zu halten, sei eine enge Abstimmung zwischen den Betroffenen und ihren Angehörigen sowie den am Versorgungsprozess beteiligten Ärzten, Hilfsmittelanbietern, Pflegedienstleistern, Therapeuten etc. erforderlich. Nicht selten gerieten Patienten bei der Koordination an ihr Limit.

Gefördert vom Bundesforschungsministerium

Prof.
Foto: Ambulanzpartner
Prof. Dr. Christoph Münch.

Wie kann die Versorgung von Menschen mit schweren neurologischen Erkrankungen besser koordiniert und abgestimmt werden? Wie können Menschen mit Einschränkungen ihrer Sprechfähigkeit darin unterstützt werden, ihre Versorgung und ihren Lebensalltag aktiv mitzugestalten? Dies sind die zentralen Fragen des Vorhabens „ProDigA“, dessen Ergebnisse jüngst veröffentlicht wurden. Das Vorhaben wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert und vom Saarbrücker Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (iso) koordiniert.

Herr Prof. Dr. Münch, wie viele Sanitätshäuser, Reha- oder Orthopädietechnik-Betriebe sowie Homecare-Leistungserbringer sind auf der Plattform gelistet?

Für Hilfsmittel haben wir seit 2011 ein bundesweites Netzwerk mit mittlerweile rund 130 Sanitätshäusern aufgebaut. Darunter befinden sich 18 Orthopädietechnik-Betriebe und 5 Homecare-Hilfsmittel-Anbieter.

Welche Kosten sind für die Hilfsmittel-Leistungserbringer mit der Eintragung auf der Plattform verbunden?

Die Inanspruchnahme der Dienstleistungen unseres Versorgungsmanagements sowie die Nutzung der Software des Ambulanzpartner-Versorgungsportals durch Hilfsmittel-Versorger sind kostenpflichtig. Die Dienstleistungsgebühr für die erbrachten Dienstleistungen und die Nutzungslizenz der Internetplattform werden den Hilfsmittel-Leistungserbringern monatlich in Rechnung gestellt.

Bitte stellen Sie uns die Grundzüge des Konzepts vor.

In der Regelversorgung von Patienten mit chronischen, schweren oder seltenen Erkrankungen stellt der Arzt im Rahmen seiner Behandlung einen Versorgungsbedarf für Hilfsmittel fest. Die Feststellung und Besprechung des Behandlungsbedarfs erfolgt unabhängig vom Ambulanzpartner-Konzept und einer möglichen Teilnahme des Patienten am Versorgungsmanagement von Ambulanzpartner.

Der Arzt informiert den Patienten über die Option, daran teilzunehmen, wenn der Patient – aufgrund seines Versorgungsbedarfs – einen Nutzen aus einer digital-unterstützten Versorgungskoordination ziehen kann. Ein weiterer Grund für eine unverbindliche Information über die Möglichkeit am Ambulanzpartner-Konzept teilzunehmen liegt dann vor, wenn der Patient die Einschlusskriterien zur Teilnahme an einer Studie der Versorgungsforschung erfüllt.

Welche Schritte folgen dann?

Sofern der Patient teilnehmen möchte, werden die dafür notwendigen Unterlagen von Ambulanzpartner zur Verfügung gestellt. Auf Basis eines informierten Einverständnisses beauftragt der Patient Ambulanzpartner, das gesamte Versorgungsmanagement oder einzelne Dienstleistungen zu erbringen. Dazu unterzeichnet der Patient oder ein gesetzlicher Vertreter eine Einwilligungserklärung, in der das Versorgungsmanagement durch Ambulanzpartner sowie die Digitalisierung von personenbezogenen Daten auf dem Versorgungsportal autorisiert werden.

Mit Vorliegen der notwendigen Erklärungen wird eine elektronische Versorgungsakte angelegt und der Patient durch einen Versorgungskoordinator von Ambulanzpartner kontaktiert.

Worin bestehen die Vorteile für den Patienten?

Ambulanzpartner übernimmt im Auftrag des Patienten Tätigkeiten, die sonst von ihm oder Angehörigen erbracht werden müssten (z. B. Beschaffung von Folgerezepten und -verordnungen) oder aufgrund fehlender Ressourcen, Kompetenzen und Infrastruktur nicht oder unzureichend geleistet werden könnten (z. B. Versorgungskoordination, Dokumenten- und Datenmanagement). Auch die berufsgruppenübergreifende digitale Vernetzung über das Versorgungsportal und die Bereitstellung von mobilen Anwendungen für den Patienten (z. B. die ALS-App) sind zusätzliche Leistungen.

Und wie kommen Hilfsmittel-Leistungserbringer zum Zuge?

Im nächsten Schritt wird der Hilfsmittel-Versorger von einem Versorgungskoordinator mit einer Versorgungsanfrage kontaktiert. Die Auswahl des Versorgers erfolgt entweder durch Hinweis des Patienten auf einen konkreten Versorger oder durch den Auftrag des Patienten an Ambulanzpartner, einen geeigneten Versorger zu finden und zu kontaktieren. Die Eignung des Versorgers ergibt sich aus

  • dem medizinischen Leistungsprofil,
  • dem Spezialisierungsgrad,
  • der Wohnortnähe,
  • vorausgehenden Versorgungen beim gleichen Patienten mit anderen Leistungen,
  • Vorversorgungen bei anderen Patienten mit der gleichen Leistung,
  • dem Nachweis von erfolgten Schulungen zu den Grunderkrankungen der zu versorgenden Patienten,
  • den vorliegenden Patientenbewertungen zum Hilfsmittel-Versorger 
in der geplanten Versorgungsleistung.

Welche Vorteile bieten sich für Sanitätshäuser?

Für Hilfsmittel-Versorger, die am Ambulanzpartner-Versorgungsmanagement teilnehmen, entsteht folgender Nutzen:

  • Zeit- und Effizienzgewinn durch digitale Bereitstellung patienten- und versorgungsrelevanter Daten,
  • Qualitätssteigerung durch strukturierte Informationen zu Diagnosen, spezifischen Versorgungszielen und ärztlichen Indikationen der Versorgung,
  • Qualitätskontrolle durch strukturierte Patientenbewertungen (Zufriedenheitsbefragung zu Leistungen des Versorgers; Benchmarking mit anderen Versorgern),
  • Aufwandsreduzierung im Rezept- und Verordnungsmanagement durch Nutzung der digitalunterstützten Dienstleistungsarchitektur bei der Anforderung, Abholung, Versendung, Kontrolle und Dokumentation von Rezepten,
  • Risikoreduzierung von unwirtschaftlicher Fehlversorgung (durch Einblick in bereits bestehende und geplante Versorgungen beim Patienten),
  • Stärkung des Anbieterprofils und der eigenen Spezialisierung,
  • Teilnahme an Projekten der Versorgungsforschung (Reputationsgewinn, Optimierung von Versorgungsprozessen).

Werden auch Hilfsmittel-Hersteller auf der Plattform gelistet bzw. wie werden die Hilfsmittel-Produkte ins Verzeichnis eingepflegt?

Auf dem Versorgungsportal sind sechs Hilfsmittelhersteller registriert: Aspen Medical Products, Munevo, medica Medizintechnik, PhysioNova, Pro Walk und Reck-Technik. Die Hilfsmittelprodukte werden von unserer IT-Abteilung in das Ambulanzpartner-Produktverzeichnis eingepflegt.

Herr Dr. Münch, danke fürs Interview.

Foto: Karolina Grabowska/Pixabay
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